Chariot - bester Couch Koop Plattformer des Jahres?

Im Test zum Couch Koop Multiplayer Jump’n’Run Chariot kläre ich darüber auf, was das Spiel taugt und für wen es geeignet ist.

Chariot Artwork

Der König ist tot – lang lebe der König

Chariot ist ein Jump’n’Run der besonderen Art: statt wie beim Genre König Super Mario eine Figur zum Ausgang des Levels zu bringen, müssen wir hier einen Sarg auf Rädern durch die teilweise recht verzweigten Level manövrieren. Es ist schon irgendwie seltsam dass noch niemand vorher diesen kleinen Kniff eingesetzt hat, denn diese kleine Variation im Gameplay hat tatsächlich zur Folge, dass Chariot sich grundlegend anders anfühlt als alle Jump’n’Runs, die zumindest ich jemals gespielt habe.

Dabei sieht Chariot auf dem ersten Blick erstmal gar nicht so anders aus: die bunte, hübsch animierte 2D Grafik erinnert an Titel wie Braid und all die anderen Plattformer aus den Händen zahlreicher Indie Studios. Die farbenfrohe Welt wird von ein paar netten Lichteffekten und atmosphärischer Musik untermalt – sehr schön anzusehen und anzuhören.

Wir beginnen Chariot wahlweise alleine oder zu zweit mit einem Freund im lokalen Multiplayer. Als Prinzessin und / oder Prinz rollen wir einen Königssarg über eine Graslandschaft, bis wir die letzte Ruhestätte erreichen. Da erscheint der Geist des Königs und beschwert sich, ob wir nicht etwas besseren für ihn, den großen König, hätten finden können. Und so beginnt es also, das große Abenteuer, die große Reise. 25 Level in 5 unterschiedlichen Gegenden warten darauf, erforscht und gemeistert zu werden.


Niemals das Seil vergessen

Wer auf große Abenteuerreise geht, der sollte niemals sein Seil vergessen – eine Regel die die beiden Hauptdarsteller glücklicherweise bedacht haben. Mit der rechten Schultertaste können wir nämlich ein Seil am Sarg befestigen (entweder am vorderen oder am hinteren Rad) und den Leichnams des Königs so hinter uns her ziehen. Mit den linken Schultertasten können wir das Seil aufrollen und den König so zu uns heran ziehen, oder aber dem Seil mehr Raum geben, um den königlichen Sarg so weiter nach unten baumeln zu lassen. Beim Heranziehen muss man jedoch mit seiner Figur gegen steuern, denn sonst zerrt einen das Gewicht des Sarges davon. Einfaches Schieben des Sarges ist selbstverständlich auch möglich. Erfreulich ist, dass die Physik hierbei recht nachvollziehbar reagiert und wir schon nach kurzer Eingewöhnungsphase ein sehr sicheres Gefühl für den Umgang mit dem Sarg entwickeln.

Aus dieser Mechanik entwickelt Chariot nun also zahlreiche Physik Rätsel und Hinderniskurse. Gilt es am Anfang noch, lediglich ein paar Hügel und Abgründe zu überbrücken, so gesellen sich schon bald einige Rätsel hinzu, die einem eine durchdachte und gut getimte Vorgehensweise abfordern. So gibt es bestimmte Druckplatten, die man mit dem Sarg überfahren muss um eine Tür zu öffnen, oder man muss eine Kiste auf dem Sarg transportieren, ohne dass diese herunter fällt.

Sehr früh werden auch bestimmte Untergründe eingeführt, auf denen entweder nur die Figuren oder nur der Sarg Halt finden, was die Sache dementsprechend komplexer macht: wenn uns der Sarg nämlich davon rollt und für 6 Sekunden den Bildschirm verlässt, dann geht es automatisch zurück zum letzten Checkpoint.

Sterben kann man in Chariot also nicht – entweder Manuell oder durch Versagen wird man zurück zum letzten Checkpoint teleportiert. Lediglich die seit dem Passieren des Checkpoints eingesammelten Kristalle verliert man, womit wir auch schon beim nächsten Thema wären…


Kristallklarer Reichtum in Chariot

Wie in Jump’n’Runs üblich, findet sich auch in Chariot Zeugs zum Einsammeln. In diesem Fall sind es Kristalle, die einem jedoch keine Leben schenken, sondern auf das Geldkonto wandern und zwischen den Levels in zusätzliche Goodies wie Enterhaken, Lichter und Granaten investiert werden können – vorausgesetzt, man hat zuvor in den Levels die Blueprints bzw. Blaupausen gefunden. Übrigens sammelt man die Kristalle nicht etwa mit den Spielfiguren selber ein, sondern mit dem Sarg. Erschwerend kommt hinzu, dass größere Kristalle sich erst von ihrer Umgebung lösen müssen, d.h. der Sarg muss mehrere Sekunden in der Nähe des Kristalls sein. Schnell vorbei schwenken ist dort also nicht.

Problematisch wird es, wenn man dann von kleinen Monstern angegriffen wird. Diese klammern sich an den Sarg und stehlen die Kristalle, allerdings kann man sie recht einfach wegprügeln oder eines freigeschalteten Goodies verwenden. Man sollte sich jedoch genau überlegen, welches man mit ins Level nimmt, denn jede Figur darf nur einen Ausrüstungsgegenstand mit sich tragen. Diese haben eine begrenzte Wirkungsdauer und eine darauf folgende Cooldown Zeit, die man jedoch gegen Bares im Shop verbessern kann.

Neben Kristallen und Blueprints finden sich in jedem Level auch 3 Schädel, die man einsammeln kann. Was man dafür bekommt wird an dieser Stelle jedoch nicht verraten.

Tatsächlich ergibt sich aus der Suche nach Schädeln, Blueprints und Kristallen eine ziemlich große Motivation, die einen auch die hintersten Winkel der verzweigten Level erkunden lassen. Einige der Passagen sind allerdings nur zu zweit erreichbar, was jedoch stets direkt durch ein Schild gekennzeichnet ist. Man versucht sich also nicht völlig umsonst an Stellen, die man ohnehin nicht schaffen kann. Wobei einige der Koop Passagen tatsächlich mit Hilfe der im Shop erstandenen Goodies gemeistert werden können. Zelda typisch gibt es sogar Passagen, die explizit nur mit bestimmten Ausrüstungsgegenständen betreten werden können – beispielsweise eine dunkle Gegend, in der man ohne Laterne nichts sieht. Auf diese Weise kann man weitere Ausgänge in bereits gemeisterten Levels finden.


Ich habe doch keine Zeit!

Abgerundet wird die Langzeitmotivation durch den Zeitrennen – Modus, der jeweils nach dem erstmaligen Meistern eines Levels freigeschaltet wird. Tatsächlich ist es möglich, in Chariot so richtig viel Gas zu geben. Höchstgeschwindigkeiten erreicht man, wenn man auf dem Sarg steile Abhänge runter rollt und dabei zusieht, dass man entgegen kommenden Hindernissen ausweicht. Dies erfordert erfreulicherweise nur einen guten Sinn für Timing, während die Steuerung dabei stets zuverlässig und einfach reagiert. Wenn man mit 100 km/h einen Berg herunter rollt, dabei einen Stein überspringt und direkt wieder auf dem rollenden Sarg landet, dann sieht das spektakulär aus, ist aber eigentlich recht einfach wenn man denn zum richtigen Zeitpunkt abgesprungen ist.

Außerdem gewinnt man Geschwindigkeit, indem man vorwärts läuft, dabei den Sarg zu sich heranzieht und dann auf den Sarg aufspringt – dank Berücksichtigung von  Einsteins Relativitätstheorie addieren sich nämlich Geschwindigkeit des Laufens und des Heranziehens. Ich persönlich muss gestehen, dass ich mich sehr auf die ersten Speedruns dieses Titels freue, denn mit dem ganzen Gebaumel, Gezerre und den allgemeinen Physikspielereien dürften diese ziemlich eindrucksvoll ausfallen.


Von Königen und Prinzessinnen…

Obwohl die Ausgangsbasis von Chariot sehr amüsant und humorvoll in Szene gesetzt ist, so bleibt die Story leider doch recht schwach. Der König lässt mit sehr guter englischer (und deutsch untertitelter) Sprachausgabe viel zu selten einen Kommentar hören, und diese wiederholen sich schnell. Wenn man zum Beispiel zu laut war und Monster angelockt hat, oder wenn man eine hohe Geschwindigkeit erreicht. Hier wäre deutlich mehr drin gewesen, zumal die Idee des verwöhnten toten Königs wirklich witzig ist.

Auch der Shopverkäufer, ein Skelett das mich irgendwie an Murray aus Monkey Island erinnert und uns in seinen Erklärungen zu den Ausrüstungsgegenständen ein paar Hinweise darauf gibt, wie es zu seinem Ableben kam, zeigt, dass die Entwickler bei Frima eigentlich wissen, wie man Witze erzählt. Wirklich schade also, dass man während des normalen Spiels nur wenig davon merkt.

Allgemein ist die Story bei einem Jump’n’Run sicherlich nicht besonders wichtig. Super Mario muss ja auch immer wieder die Prinzessin und das Pilzkönigreich vor Browser retten, und im Vergleich dazu ist die Geschichte von Chariot schon sehr originell. Stories in Jump’n’Runs sind meistens nur die Würze und keine Hauptzutat – das ist auch hier so, und von daher lässt es sich verschmerzen, dass die zwei Hauptcharaktere praktisch gar keine eigene Persönlichkeit haben. Wie gesagt: wäre schön wenn da mehr wäre, aber muss nicht sein.


Langsamer Start und Einsamkeit

Chariot macht keinen Hehl daraus, ein Multiplayer Titel zu sein. Zwar kann man das gesamte Spiel auch alleine meistern, doch kann man dann wie bereits erwähnt bestimmte Stellen nicht erreichen. Außerdem ist der Spielbeginn zwangsläufig etwas eintönig: die Entwickler wollen dem Spieler die Zeit geben, sich an die Steuerung und die Mechaniken zu gewöhnen – an sich völlig richtig. Auf Schildern bzw. Plakaten im Hintergrund werden einen die Tasten angezeigt, die man für alle Aktionen benötigt. Durch die sehr gut durchdachte und reagierende Steuerung hat man das jedoch sehr schnell gelernt, und die ersten Abschnitte, die sicherlich als Training vorgesehen waren, fallen einem viel zu einfach. Im Grunde läuft man nur über ein paar Hügel und wird durch das Hinterherziehen des Sarges immer wieder ausgebremst – keine gute Werbung für das an sich sehr spannende Spielprinzip.

Im Multiplayer sieht das jedoch ganz anders aus. Hier probiert man aus, wer welche Rolle übernimmt, wie man den Transport am effektivsten managen kann, und ehe man sich versieht ist man bereits in den Levels unterwegs, die auch im Einzelspieler interessant sind. Und dennoch: alleine macht das einfach weniger Spaß! Umso ärgerlicher, dass es keinen Onlinemodus gibt. Doch für den Couch Koop gibt es wenig Alternativen für dieses neuartige und spannende Gamneplay.


Fazit

Ich musste lange überlegen, welche Wertung ich Chariot verpassen soll. Die 5 Sterne für den genialen Multiplayer, oder 4 Sterne für den über einzelne Strecken faden Singleplayermodus. Am Ende denke ich aber, dass Chariot die perfekte 5 Sterne Wertung verdient hat: innovatives Gameplay, witzige Geschichte, schöne Grafik, netter Sound, und vor allen Dingen: eine sehr, sehr gute Steuerung. Diejenigen, die dieses Spiel allerdings nur alleine spielen wollen, die können getrost einen, vielleicht sogar zwei Sterne abziehen. Man muss jedoch dazu sagen, dass der Titel auch von nicht-Spielern schnell gelernt werden kann, was Chariot zum perfekten Titel z.B. für Paare macht, bei denen einer der Partner partout nichts mit Games anfangen kann. Der Charme und die intuitive Bedienung werden den Spielebanausen schnell eines Besseren belehren!


Chariot
Pro
absolut fantastisch im Local Koop
bunte Grafik, nett animiert
mehrere Levelausgänge, viel zu entdecken
Contra
alleine nicht ganz so gut wie im Koop
kein Online Multiplayer
5 / 5

Über den Autor
Sascha Stieglitz | Redakteur / Marketing

Stiegi hat vor vielen Jahren auf dem 386er angefangen, sich für Videopspiele zu interessieren und zockt heute auf PC genauso wie auf Konsole und Android, am liebsten wenn eine gute Story dabei erzählt wird. Als Corsuals Marketing Director ist er außerdem für den reibungslosen Ablauf von Kampagnen verantwortlich.


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