Dragon Age: Inquisition Test / Review

Im Test zu Dragon Age: Inquisition klären wir, ob es Bioware gelungen ist, einen weiteren Meilenstein abzuliefern.

Dragon Age Inquisition 1

Identitätskrise

Die beiden Vorgänger von Dragon Age: Inquisition, Dragon Age: Origins und Dragon Age II, sind zwei völlig unterschiedliche Spiele, sodass man unmöglich sagen kann, was so ein Dragon Age nun eigentlich ist.

War der erste Teil Dragon Age: Origins noch eine Rückkehr zu den Tugenden der klassischen RPGs wie Baldurs Gate, so war Teil 2 ein eher oberflächliches Rollenspiel, fast schon ein Action RPG, dem man die Konsolenversion nur allzu deutlich anmerken konnte. War der erste Teil bei den Fans noch hochbeliebt, so war der zweite Teil eher eine Enttäuschung.

Die spannende Frage ist nun also: was ist der dritte Teil, was ist Dragon Age: Inquisition? Eine Rückkehr zu alten Tugenden, oder nur weiteres Konsolenfutter? – Und die Antwort liegt tatsächlich irgendwo dazwischen und auch weit von beidem entfernt. Es ist ein völlig neuer Teil, der die Reihe ein weiteres Mal neu erfindet – und zwar deutlich besser als Teil 2, aber trotzdem nicht ganz an Teil 1 heran kommt.


Auf lohnenden Umwegen

Dragon Age: Inquisition funktioniert grundsätzlich, wie man es von einem AAA Rollenspiel der Extraklasse erwartet: die Mischung aus Story, Kampferfahrung und Fortschritt, Erforschung der Umgebung und eine enge Bindung zu den Charakteren sorgen dafür, dass man so schnell nicht mehr vom Bildschirm los kommt.

Erstaunlich dabei ist, dass man es nicht als Last oder gar Arbeit empfindet, wenn man eben noch mal hier eine Höhle, oder da eine Abzweigung abgrast, obwohl die Haupthandlung eindeutig woanders weiter geht. Das liegt daran, dass jede Nebenquest konsequent belohnt wird, und diese Belohnung sich spielerisch bemerkbar macht.


Inquisitor auf Reisen

Auch die Welt selbst reagiert auf die Entscheidungen des Spielers, und verändert sich entsprechend. Viel will ich an dieser Stelle drüber nicht verraten, es soll ja nichts vorweg genommen werden, aber wie der Titel bereits suggeriert, müssen wir die Inquisition wieder aufbauen, eine uralte Organisation, deren Aufgabe es ist, bösartige Dämonen von der Erdoberfläche zu verbannen.

Blöd nur, dass die Inquisition schon lange brach liegt, blöd auch, dass von überall her Dämonen und Monster  in der Fantasywelt Thedas auftauchen, und blöd, dass die Bewohner des betroffenen Königreichs Ferelden und des Kaiserreichs Orlais sich im Bürgerkrieg befinden und sich lieber gegenseitig platt machen, anstatt ihre Kräfte zu bündeln und sich der gemeinsamen Bedrohung der Dämonen zu stellen.

Es gibt also viel zu tun für den Spieler, und immer neutral zu bleiben ist in einem solchen Konfliktherd schlicht unmöglich. Also trifft man Entscheidungen für und gegen bestimmte Leute, und man bekommt Fürsprecher und Anhänger, aber auch ein ganzes Sammelsurium an erklärten Erzfeinden.

Alle Entscheidungen finden in Himmelswacht ihr Zentrum, zumindest sobald man es freigespielt hat. Hier wartet der sogenannte War Table darauf, dass man Taktiken festlegt und Leute mit Aufträgen betraut. Da man in den Aufträgen durchaus selbst involviert werden kann, fühlt sich dieser War Table und sein ganzes Drumherum, ja eigentlich die ganze Welt, extrem organisch an. Zum Vergleich: den Assassinen in Assassin’s Creed (ab Brotherhood) erteilt man Aufträge, ohne jemals zu sehen, was dort wirklich passiert. Lediglich eine Textnachricht informiert über Erfolg und Misserfolg. In Dragon Age: Inquisition hingegen kann man zum Ort des Geschehens reisen und einzigartige Quests mit den Alliierten absolvieren, wenn man möchte, was die ganze Sache deutlich lebendiger wirken lässt.


Wer suchet der findet

Und das zahlt sich spürbar aus: nicht nur bessere Ausrüstung und Erfahrungspunkte locken als Belohnung, sondern sogar völlig neue Gebiete lassen sich auf diese Weise zugänglich machen. Deshalb erwischt man sich dabei, jeden NPC genau auszuquetschen, um aus den neu gewonnenen Informationen eventuell noch eine weitere Quest im War Table freizuschalten.

In einigen Konkurrenzmagazinen wurde behauptet, dass man Dragon Age: Inquisition in ca. 35 Stunden durchspielen kann – dies mag zutreffen wenn man nur die offensichtlichsten Nebenquests mitnimmt und sich ansonsten streng an der Haupthandlung entlang hangelt. Doch Dragon Age: Inquisition belohnt geduldige Spieler und entschädigt sie für zeitlichen Mehraufwand. Bereits in der ersten Gegend nach dem Prolog kann man sich stundenlang aufhalten und immer neue Sachen finden. Muss man das? Nein. Bringt das was? Na ja, ein bisschen.

Dragon Age: Inquisition punktet mit einer unheimlich schön inszenierten Welt aus Basis der Frostbyte Engine 3. Sie ist in mehreren riesigen Zonen eingeteilt, die zum Erkunden einladen, und manchmal auch einfach nur zum Rumstehen und Gaffen. Diese Welt hat so viel Atmosphäre, dass man manchmal fast schon in den Bildschirm hinein greifen und Blumen pflücken möchte.


Das Leben ist ein Kampf

Wohin man sich auch bewegt, überall gibt’s Prügel. Das Kampfsystem ist dabei näher an Teil 2 als an Teil 1, verlangt uns also weniger ab als noch in Origins, ohne dabei jedoch langweilig zu sein.

Fähigkeiten lassen sich über die Buttons direkt aktivieren, und die Begleiter des Haupthelden agieren so klug und geschickt, dass man ihnen selten einen Befehl zukommen lassen muss.

Entwickler Bioware war sich wohl bewusst, wie sehr manche Fans die Kämpfe aus Teil 1 liebten, und hat dementsprechend eine Taktik Ansicht mit eingebaut. Hierbei wird das Kampfgeschehen pausiert und man kann alles in Ruhe von oben betrachten und Pläne zum weiteren Vorgehen schmieden. Aber: in normalen Kämpfen ist das eigentlich nicht nötig, außerdem hängt die Kamera ganz gerne mal an der Umgebung fest. Auch das Anvisieren von Gegnern auf unterschiedlichen Ebenen kann schwierig werden. Alles in allem fühlt diese Ansicht sich irgendwie aufgesetzt an, so nach dem Motto „muss halt rein aber an sich braucht man es nicht“.

Trotzdem funktioniert das Kampfsystem, das übrigens ohne klassische Heilzauber daher kommt, sehr gut und flüssig. Die Fähigkeiten unterschiedlicher Begleiter lassen sich wunderbar kombinieren, und technisch sind die Effekte wie schon die Landschaften wirklich oberste Liga. Allein beim Zusehen wird einem niemals langweilig.


Einmal Krieger, immer Krieger

Der Charakter Fortschritt ist dabei ebenfalls genauso typisch wie motivierend. Man entscheidet sich zu Beginn für eine Rasse(Mensch, Elf, Zwerg, Qunari) und Klasse (Krieger, Schurke, Magier). Durch die Auswahl öffnet sich dann ein sehr ausgeglichenes Repertoire an passiven und aktiven Fähigkeiten. Die alte Spirale des Aufrüst-Wahnsinns greift auch hier: immer fehlt einem noch gerade so ein Skillpunkt, um diese oder jene tolle Fähigkeit freizuschalten, und kaum hat man sie, lauert man auch schon gierig auf die nächste Fähigkeit.

Man muss übrigens keine Angst haben, dass man durch seine Klassenentscheidung niemals erfährt, wie sich die anderen Klassen spielen. Tatsächlich gruppiert sich im Spielverlauf ein bunter Heldentrupp um einen herum, die man ebenfalls ihren jeweiligen Klassen entsprechend hochleveln darf – auf diese Weise erfährt man auch als Krieger von den tiefgreifenden Talenten eines Magiers.

Selbiges gilt natürlich auch für die Ausrüstung, die natürlich auch innerhalb der Gruppe getauscht werden kann. Bedauerlicherweise wurde die Hotswap Funktion für Waffenkonfigurationen aus Origins nicht wiederbelebt; das schnelle Wechseln von Waffen im Kampf ist also leider nicht mehr möglich. Stattdessen muss man sich vorher genau überlegt und entschieden haben, mit welcher Bewaffnung und Ausrüstung man in die Schlacht ziehen will.

Ebenfalls anstrengend kann der Mangel an Inventarplätzen werden. Da es keine Lagerungsfunktionen im Spiel gibt, müssen wir immer alles mit uns herum schleppen und unseren Inventarplatz aufstocken. Immerhin lässt sich die Ausrüstung in einem Crafting System ausbessern, was sich von den Werten her durchaus lohnen kann.


Kampf den Dämonen… oder?

Wie bereits weiter oben erwähnt, besteht die Hauptquest daraus, die Welt von Dämonen zu retten. Klar ist jetzt keine wahnsinnig neue Idee, aber vor dem Hintergrund der ersten beiden Teile und der Bücher weiß diese Story durchaus zu unterhalten. Zumindest theoretisch.

In der Praxis ist es nämlich so, dass die Hauptstory nur eins von vielen, vielen Problemen in der Welt von Thedas, und ehrlich gesagt können die kleinen Problemchen eines Begleiters durchaus interessanter sein als die Rettung der Welt. Und da Dragon Age: Inquisition einem alle Zeit der Welt dafür lässt, kann es etwas aufgesetzt und plump wirken wenn man in „letzter Sekunde“ einen weiteren Abschnitt der Hauptquest triggert und so gerade eben nochmal größeres Unheil abgewendet haben… obwohl wir die letzten 2 Stunden lediglich im Wald rumgelungert und die Bäume bewundert haben.

Hier macht sich also der Skyrim Einfluss deutlich bemerkbar, und Bioware, die einstigen Meister des grandiosen Storytellings, versinken im AAA typischen oberen Mittelmaß was die Hauptquest betrifft. Schade, aber das lässt sich mit dem Welt-erforschen-und-Quest-finden Prinzip wohl nun mal nicht anders realisieren.

Insgesamt gesehen macht die Story jedoch genug her, um einen bei der Stange zu halten. Interessante Charaktere, tolle Inszenierung, viele (un)moralische Entscheidungen des Spielers und natürlich die Einbeziehung der Entscheidungen der vorherigen Teile machen Dragon Age: Inquisition zu einem grandiosen Erlebnis.

Als nette Dreingabe gibt es auch noch einen Multiplayer Modus, in dem man mit bis zu 4 anderen Spielern einen Dungeon erkunden und gemeinsam gegen Monster antreten kann. Man prügelt sich durch 5 Abschnitte bis zu einem Bossgegner. Das erinnert grob an den Mass Effect 3 Multiplayer, wobei der Multiplayer Teil hier komplett Abseits der Haupthandlung stattfindet, während es ja in Mass Effekt zumindest lose mit den Geschehnissen verknüpft war.


Fazit

Ohne Zweifel: Dragon Age: Inquisition ist ein tolles Spiel für den Massenmarkt geworden. Ich persönlich muss allerdings zugeben, dass ich mir eigentlich keinen dritten Teil der Serie gewünscht habe, sondern einen zweiten ersten Teil, der die Story fortsetzt. Ja wirklich: von mir aus hätten die nicht mal neue Sprites für das Interface machen müssen, von mir aus hätte es gerne alles exakt wie in Dragon Age: Origins aussehen können, solange ich eine neue, spannende Story dazu bekomme!

Ist natürlich klar dass das nicht passiert ist, und wer weiß, vermutlich hätte ein Großteil der Fachpresse einen solchen Mangel an Innovationen böse gerügt. Dennoch frage ich mich, weshalb ein perfektes Spiel unbedingt verändert werden muss?

Aber immerhin ist auch Dragon Age: Inquisition sehr gut gelungen, und wenn man bei den Kämpfen nicht alle 2 Sekunden das Bild anhalten und seine Taktik durchdenken muss, dann spart man sich immerhin etwas Zeit, die man wunderbar in andere Sachen investieren kann, sowohl innerhalb als auch außerhalb von Dragon Age.

Ich kann das Spiel jedem RPG Fan empfehlen. Mag es auch nicht ganz an Origins heran reichen, so bietet es dennoch sehr guten Unterhaltungswert, und dank des kleinen Multiplayer Modus, der im Laufe der Zeit neue Maps von Bioware spendiert bekommen wird, kann man sich mit dem Spiel auch noch über die Solokampagne hinaus beschäftigen.


Dragon Age: Inquisition
Pro
Tolle Welt
Spannende Story
Sehr viel zu entdecken
Contra
Auf PC könnte die Steuerung etwas besser angepasst sein
5 / 5

Über den Autor
Sebastian Wölk | CEO / Founder

Bossti ist Gründer und CEO von Corsual. Durch seine langjährige Aktivität in der Gaming-Branche vorallem im MMORPG- und Strategy-Bereich ( World of Wacraft, Final Fantasy, Starcraft, Diablo usw) ist er grade für diese eher CORE Abschnitte auf Corsual zuständig und schreibt gelegentlich Guides, Tipps und Tricks zu angesagten Spielen. Desweiteren ist er öfters auf seinem Livestream Respawned zu finden (www.twitch.tv/corsual)


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