Pennergame 2

Pennergame 2 Review

Review

Vom Mülleimer-Schnüffler zur Kiez-Größe

Pennergame 2, untertitelt "2 Promille", ist die schwarzhumorige Neuerscheinung des Studios Farbflut Entertainment und ist als Browsergame ohne Kosten und Downloads spielbar. In der Simulation haben Spieler die Chance, das harte Leben in der Gosse auszutesten. Wir treiben uns im Spiel aber nicht auf irgendwelchen Straßen herum, stattdessen geht es auf dem weltbekannten Kiez in Hamburg zur Sache. Mit ihrem überdrehten Game wagen die Entwickler eine Gratwanderung: Sie parodieren Aussteigerromantik und machen durch ihr gleichzeitiges Engagement für das reale Problem von sich reden. 


Die Rückkehr zur Milieu-Parodie

Fünf Jahre nach Erscheinen des beliebten Vorgängers Pennergame greift ein Sequel das Erfolgsrezept weitgehend auf und legt das Game mit erneuerter Grafik und mehr Features neu auf. Ihr seid ein Penner und der Kiez ist euer Revier. Die Engine baut auf die neuen Möglichkeiten von HTML5, das Betreten der Welt ist mit einem kurzen Ladevorgang verbunden. Wir schleppen uns aus der Iso Perspektive durch die gezeichnete und lebendig animierte Umgebung, die genau wie unser Charakter runtergekommen und doch charmant ist. Menüführung und Texte fügen sich dem derben, sarkastischen Witz des Games, das ganze wird von einem Sound getragen, der denselben Charme versprüht wie die Optik. 

Das Spiel leiht sich übrigens nicht nur die Namen einschlägiger Ecken Hamburgs, stattdessen wurde auf einen gewissen Wiedererkennungswert für Fans der Hansestadt geachtet. Reeperbahn, große Freiheit, Herbertstraße, Fischmarkt, Landungsbrücken und Hans-Albert-Platz sind bereits als Spielumgebungen implementiert. Dabei sind wir nicht alleine auf der Straße, über 30 einzigartige NPC-Charaktere sind neben den regulären NPCs die Säulen der nicht ganz ernst gemeinten Milieustudie. Alle Figuren, die man erwarten würde, sind mit von der Partie: Knallharte Türsteher und gescheiterte Boxer, gewitzte Penner, Bordsteinschwalben und Zuhältergrößen kreuzen im Verlauf der Story unseren Weg. Schon das Tutorial demonstriert, dass Schlüsselfiguren im Spiel mit viel Detailliebe erschaffen wurden.  Unsere gute Fee ist ein alter Kerl namens Hussmann. Die graue Eminenz unter den Obdachlosen wird nicht müde uns mit Weisheiten aus seinem Erfahrungsschatz zu beglücken. Für Neulinge ist ein redseliger Penner wie Hussmann der Einstieg in das Leben auf der Straße, als unser Tutor zeigt er uns die wichtigsten Ecken und verschafft uns Kontakte.


Recycling mal anders

Dabei ist das Tagesgeschäft eines Penners kein Mysterium. Wir klappern unsere Umgebung ab, immer in der Hoffnung dabei Nützliches aufzutreiben. Geld liegt mehr oder weniger auf der Straße, wir müssen es nur am Automaten abgeben: In Gebüschen, unter Sitzbänken und in Containern findet man Flaschen, deren Pfand uns gutes Geld einbringt - wenn der Flaschenkurs nicht gerade im Keller ist. Manchmal lohnt es sich auf bessere Wechselkurse zu warten, um mehr Euros aus dem Braunglas zu quetschen.

Schon für das Durchsuchen brauchen wir mehr Know-how, als es der Durchschnittsspießer vermuten würde, denn nur mit dem richtigen System fischen wir das Beste aus der Tonne. Jedes durchsuchbare Objekt hat eine dynamische Erfolgsleiste, die uns bei einem gut getimten Klick zu besonders reicher Beute verhilft. Durchsuchte Objekte sind erst mal gesperrt, erst nach ein paar Minuten lohnt es sich wieder, am selben Ort vorbeizuschauen. Anlaufstellen wie öffentliche Mülleimer, private Tonnen und Automaten sind auf einer detaillierten Minimap eingetragen, die sich bei Bedarf zu Vollbild maximieren lässt. Lässt der Ertrag der Mülleimer-Tournee zu wünschen übrig, darf man auch Passanten und die Damen des horizontalen Gewerbes anschnorren, die einen entweder abwimmeln oder etwas Kleingeld springen lassen.

Während Flaschen uns zu Ingame-Euros verhelfen, fungieren Kronkorken als die Premiumwährung von Pennergame. Gegen Echtgeld erhalten wir eine bestimmte Menge, die wir bei einer Reihe von Gelegenheiten im Spiel investieren können - etwa wenn uns die Energie ausgeht und wir weiterspielen wollen. Reine Free-to-Play-User müssen hier erst mal pausieren. 


Auch Hobos brauchen Hobbies

Tatsächlich entpuppen sich die Mülleimer, Parkbänke und Gebüsche als wahre Fundgruben für Items, die man zu verrückten Gegenständen kombinieren kann. Zum Basteln gehört immer ein Rezept, erst dann lässt sich aus den Einzelteilen etwas Sinnvolles zusammenschustern. Habt ihr ein Rezept erworben und alle benötigten Zutaten, stellt ihr den Gegenstand unter dem Verbrauch von etwas Energie her. Rezepte gibt es beim Händler an der Tankstelle, wenn man mit einer "Schnapsidee" aufkreuzt, bekommt man ein neues Rezept. Schnapsideen wiederum gehen einem bei bestimmten Spielerfolgen auf, etwa wenn man einen Ordnungshüter verdroschen hat. An solchen Konstellationen merkt man, dass Pennergame 2 keine Scheu hat, das Szenario auszureizen. 

Eure Kontrahenten in den Prügeleien kommen teils aus der Gosse, andere sind abseits des Milieus zu Hause. Das Ordnungsamt und dessen Mission die Straßen zu säubern sind uns ein großes Dorn im Auge. Die Beamten bewachen Container, Sitzbänke und Gestrüpp und schneiden uns so vom Bastel- und Flaschennachschub ab. Wir können die Herren aber mit handfesten Argumenten vom Wegschauen überzeugen. Im PvE wollen uns Punks, Straßenratten und sogar Polypen an den Kragen. Außerdem schlägern wir uns freundschaftlich mit anderen Spielern, und die Hackordnung wirft keine Fragen mehr auf. 

Entscheiden wir uns einen Gegner anzugreifen wechseln wir in den Kampfmodus, der die Fitness unserer Figur auf die Probe stellt. Das neue Pennergame-Kampfsystem ist nicht nur gegenüber dem direkten Vorgänger ein originelles Feature, an der nett inszenierten Neuerung könnte sich so manches Browser-RPG ein Scheibchen abschneiden. Anstatt triste Zahlenfriedhöfe zu vergleichen, darf man seine Charakterwerte mit handfesten Argumenten untermauern, mit etwas Geschick lassen sich selbst vermeintlich überlegene Gegner vermöbeln. Wir entscheiden aber mit eingestreuten Spezialangriffen über den ansonsten automatisierten Ausgang des Kampfes mit, etwa wenn wir dem Gegner mit Feuerwerkskörpern einheizen. Solche Aktionen darf man nur einmal pro Kampf zünden. Ziehen wir doch mal den kürzeren, können wir bei Toni trainieren. Der auch als "Mücke" bekannte Boxer führt ein Studio in der Nähe der Polizeiwache und hat keine Probleme damit, Straßenkämpfern ein paar schmutzige Tricks beizubringen. Gegen Bares hilft uns Toni, unsere Attribute und damit unsere Chancen zu verbessern.


Der Traum des kleinen Mannes

Über erledigte Quests erhalten wir Erfahrungspunkte und erspielen uns den Milieuaufstieg. Neue Gebiete wie der Fischmarkt eröffnen sich, hier geht es dann härter zu Sache, aber unser Charakter wird über die Level auch nicht weicher. Um Erfahrung und Kapital anzuhäufen, stellen wir uns den über hundert Missionen, die um die bereits genannten Gameplay-Features gestrickt sind. Mal wollen dubiose Auftraggeber den Einsatz unserer Fäuste, mal sollen wir einem Kumpel etwas Bestimmtes organisieren oder den Wunschgegenstand aus gefundenen Einzelteilen zusammensuchen. 

Unsere Abenteuer führen uns in immer neue Stadtteile und sogar in die Kanalisation, eine eigene Welt unter der Oberfläche, in die sich nur abgebrühte Obdachlose wagen. Ein Energiesystem limitiert unsere täglichen Fortschritt im Spiel, wichtige Aktionen zehren an unseren Reserven, bis wir uns erholen müssen. Nur Anschnorren geht endlos.

Auch Penner dürfen noch träumen: Ab einem bestimmten Punkt im Game wird es euch möglich, ein eigenes Business im Stil des Rotlichtviertels aufzuziehen - ein Sexshop wird zur verlässlichen Einkommensquelle. Was als klapprige Bude anfängt, wird mit eurem Herzblut und Investitionen schnell zur glamourösen Boutique. Erst müssen wir uns aber mit einigen Drahtziehern gut stellen: Nur wenn wir regelmäßig ein paar Gefallen erledigen, ist uns unser Platz im Milieu sicher und wir können Geschäfte auf dem Kiez machen. Vor jedem Ausbau eures Shops müsst ihr drei Aufgaben absolvieren. So erlaubt euch Pennergame 2, im Spielverlauf vom Mülleimer-Schnüffler zur beinahe respektablen Kiez-Größe aufsteigen.

 



Über den Autor
Viktor | Editor/Redakteur

Viktor ist ein großer Fan von Glegenheitsspielen im Browser. Außerdem ist er äußerst aktiv in Sachen Social Games.


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